Unfall- und Schadenanalyse bei Fahrrädern
Der Fahrradverkehr in unseren Städten nimmt zu. Pedelecs und E-Bikes ermöglichen größere Reichweiten, Lastenräder ersetzen mitunter das Auto, Elektroroller bedienen spezielle Mobilitätsbedürfnisse. Allerdings bringt der Boom auch immer mehr Unfälle mit sich, an denen Fahrräder und andere leichte Zweiräder beteiligt sind.
Unfallanalyse Berlin arbeitet schon seit vielen Jahren daran, Ursachen und Ablauf solcher Unfälle zu erforschen und Vorschläge zur Verbesserung der Sicherheit zu machen. Forschungsschwerpunkte sind dabei vor allem die Kollisionen zwischen Pkw und Zweirädern sowie die folgenschweren Unfälle mit rechtsabbiegenden Lkw.
Hochwertige Pedelecs, Lastenräder oder Spitzenrennräder kosten heute leicht 5.000 € und mehr. Damit steigt auch die Nachfrage nach qualifizierten Gutachten über Reparaturkosten nach Unfallschäden, über mögliche Mängel und über den Wert von gebrauchten Rädern. Wir haben deshalb unsere Schadenabteilung um einen speziellen Fahrradbereich ausgebaut.
Gutachten zu Schäden und Bewertung von Kraftfahrzeugen oder Fahrrädern fertigen wir ausschließlich im Gerichtsauftrag.
In Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Berlin hat Unfallanalyse Berlin eine einzigartige Crashanlage entwickelt, mit der Kollisionen zwischen bewegten Zweiradfahrern und Pkw nachgestellt werden können. Die Anlage ist mobil und wurde auch schon outdoor eingesetzt. Derzeit ist sie in die Crashanlage der TU Berlin integriert.
Seit 2002 führen wir eigene Kollisionsversuche durch, bei denen ein Radfahrer-Dummy angestoßen wird. So ermitteln wir die Zusammenhänge von Kollisionsgeschwindigkeit, Wurfweite, Verletzungen und Schäden, um daraus Schlussfolgerungen über den Hergang von realen Unfällen ziehen zu können.
Bei dieser Unfallart ist die Frage von entscheidender Bedeutung, ob und ggf. wann der/die Radfahrende vom Lkw aus hätte wahrgenommen werden können. Dies lässt sich mit geeigneter Software und 3D-Abbildern der Sichtfelder untersuchen und demonstrieren.
Elektroroller oder E-Scooter als städtische Verkehrsmittel bieten neue Möglichkeiten. Vielleicht bergen sie aber auch neue Gefahren? Unfallanalyse Berlin hat Crashversuche mit Elektrorollern (E-Scootern) und Pkw durchgeführt und den Ablauf der Versuche mit Pkw-Fahrrad-Unfällen verglichen.
Moderne Messgeräte und unsere Expertise in der Unfallmechanik ermöglichen uns, Schäden oder Mängel an Fahrradteilen, Akkus und E-Motoren mit großer Sicherheit zu identifizieren. Die Erfahrung in der Unfallanalyse kommt uns zugute, wenn es zu beurteilen gilt, ob die Schäden einem Unfall zuzuordnen oder ereignisfremd sind.
Nach unfallbedingtem Totalschaden an einem hochwertigen Fahrrad stellt sich oft die Frage nach dem Wiederbeschaffungswert. Um diesen zu ermitteln, führen wir umfangreiche Marktrecherchen durch.
Die Fahrrad-Crashanlage
Unfallanalyse Berlin hat eine Crashanlage entwickelt, mit der Kollisionen zwischen Radfahrenden in Bewegung und ebenfalls in Bewegung befindlichen anderen Fahrzeugen nachgestellt werden können. Die Anlage wurde so konstruiert, dass sie flexibel im Freien oder in der Halle einsetzbar ist. Zwar ist man auf einer Indoor-Crashanlage witterungsunabhängig, man kann aber bei hohen Geschwindigkeiten nicht die ungehinderte Bewegung von Dummy und Fahrrad nach dem Anstoß beobachten. Einige Versuche mit höheren Geschwindigkeiten wurden auf einem ehemaligen Militärflugplatz in Werneuchen durchgeführt, Video 1.
Derzeit ist die Anlage als Bestandteil der Crashanlage an der TU Berlin fest verbaut. Dort werden neben Versuchen zu aktuellen Gerichtsfällen häufig Versuche im Rahmen der Vorlesung „Verkehrsunfallanalyse und Unfallforschung II“ durchgeführt, meist zu sehr aktuellen Themen. So wurde u.a. untersucht, ob der HÖVDING – der Kopfairbag für Radfahrer – auch bei Kollisionen rechtzeitig auslöst, bei denen ein Radfahrer gegen die Seite eines vorbeifahrenden Pkw prallt, Video 02. In der Versuchsreihe wurden außerdem die Belastungen beim Aufprall auf die Fahrbahn mit und ohne HÖVDING verglichen.
Im Sommersemester 2017 lag der Fokus auf dem Thema „Anprall gegen eine geöffnete Pkw-Tür“. Dabei wurde systematisch der Einfluss der Türöffnungsweite auf die Kinematik des Radfahrers untersucht, Video 3. Diese Versuche waren ihrer Zeit voraus und wurden später in Publikationen zum Thema „Dooring“ verwendet.
Die Crashanlage erlaubt es auch, Versuche mit zwei bewegten Radfahrern zu realisieren. Im Rahmen eines Zivilverfahrens wurden zwei passende Fahrräder und ausgewählte Dummys unter einer vorher aus dem Akteninhalt rekonstruierten Anstoßstellung mehrfach gecrasht. Wie reproduzierbar die Ergebnisse sind, zeigte sich u.a. in der hohen Übereinstimmung der Endlagen nach den verschiedenen Versuchen.
Unfallversuche mit Elektrorollern
Gerade in den Innenstadtbereichen ist die Zahl der Fahrräder angestiegen und seit Juni 2019 sind auch Elektro-Tretroller zugelassen. Die Zahl der Unfälle mit diesen Fahrzeugen steigt.
Roy Strzeletz ist nicht nur forensischer Sachverständiger. Seit vielen Jahren lehrt er auch als Dozent an der Technischen Universität Berlin das Fach „Verkehrsunfallanalyse, Unfallforschung und Fahrzeugsicherheit“. Im Rahmen dieser Lehrveranstaltung wurden mehrere Versuchsreihen durchgeführt, um die Kinematik von Pkw-Fahrrad- und Pkw-Roller-Unfällen vergleichend zu untersuchen.
In einem ersten Schritt wurden Versuche mit ähnlicher Anstoßüberdeckung an der Pkw-Front miteinander verglichen, siehe Video. In den beiden Versuchen werden das Fahrrad bzw. der Roller von der linken vorderen Fahrzeugecke im Bereich der Vorderachse getroffen. Die Geschwindigkeiten lagen für die Konstellation Pkw-Fahrrad bei 6 km/h für den Pkw und 20 km/h für das Fahrrad. Bei der Konstellation Pkw-Roller lagen die Geschwindigkeiten bei 15 bzw. 12 km/h. Während der Roller unmittelbar nach dem Kontakt zur Seite weggestoßen wird und der Dummy seitlich gegen den Kotflügel prallt und dann nach vorn vom Fahrzeug herunterrutscht, werden das Fahrrad leicht und der Radfahrerdummy vollständig auf die Motorhaube aufgeladen und anschließend durch die Luft geschleudert.

Schäden an Fahrrädern
Ein Mountainbike mit Carbonrahmen wurde von einem mit geringer Geschwindigkeit fahrenden Pkw seitlich getroffen. Der Radfahrer blieb bei dem Aufprall zum Glück unverletzt; streitig waren die Schäden am Fahrrad.
Äußerlich wirkt das Rad zunächst unbeschädigt, Bild 1. Bei genauer Betrachtung werden jedoch Haarrisse im Tretlagerknoten erkennbar, Bild 2. Ergebnis der Unfallanalyse ist, dass just dieser Bereich bei der Kollision besonders belastet wird, ein Schaden also durchaus zu erwarten ist. Dabei waren die besonderen Eigenschaften des Werkstoffs zu berücksichtigen. Carbonfaserverstärkter Kunststoff (CFK) ist zwar sehr stabil, aber spröde. D.h. der Werkstoff verformt sich nicht, sondern bricht oder reißt, wenn eine bestimmte Last erreicht wird.
Die zerstörungsfreie Prüfung von Rahmen oder Komponenten auf von außen nicht sichtbare Beschädigungen spielt vor allem bei Carbonbauteilen eine wichtige Rolle. Dazu gibt es verschiedene Verfahren (Resonanzprüfung, Computertomografie, Ultraschallanregung, Belastungsprüfungen), die jeweils unterschiedlich aufwändig sind. Bei der Fahrradgabel aus Carbon (Bild 3) zeigt sich z.B. im CT-Röntgenbild, dass sie keine verdeckten Risse o.ä. aufweist. Welche Methode zielführend ist, hängt nicht nur von technischen Faktoren ab, sondern kann auch eine wirtschaftliche Frage sein. Wir entscheiden deshalb im konkreten Einzelfall, welche Prüfmethodik erforderlich und sinnvoll ist und arbeiten bei Bedarf mit kompetenten Partnern zusammen.
Bild 4 zeigt unsere Fahrradanalyse-Station, mit Montageständer, Spezialwerkzeug und Messapparaturen.
Wertermittlung von Fahrrädern
Fahrräder und E-Bikes mit hohen vier- bis fünfstelligen Preisschildern sind heute keine Randerscheinung mehr. Der hohe Wert vieler Fahrräder und ihrer Komponenten führt dazu, dass bei einem Diebstahl oder Unfallschaden schnell große Schadensummen im Raum stehen. Wir helfen, den Wert eines Fahrrads oder auch einzelner Komponenten zu ermitteln.
Für Pkw gibt es zur Wertermittlung Näherungsformeln, wie z.B. die von Schwacke. Zu Fahrrädern wurden bis vor etlichen Jahren zumindest Diagramme veröffentlicht, in denen der Wertverlust näherungsweise abgelesen werden konnte, Bild 1. Diese Diagramme werden aber schon lange nicht mehr aktualisiert. Angesichts des inzwischen kaum mehr überschaubaren Angebots von Fahrrädern und Komponenten wäre das auch nicht mehr sinnvoll möglich. Das in Bild 2 gezeigte Mountainbike hatte vor 5,5 Jahren einen Neupreis von 2.499 €. Nach dem Diagramm betrüge sein Wiederbeschaffungswert heute nur noch 25 % des Neupreises, mithin 625 €. Unsere aktuelle Marktrecherche ergab jedoch, dass derartige Räder eher im Bereich zwischen 1.300 € und 1.500 € gehandelt werden, also für mehr als das Doppelte.
Eine solche Marktrecherche ist alles andere als trivial. Das gilt insbesondere dann, wenn die Fahrzeuge nicht mehr zur Verfügung stehen. Anders als beispielsweise bei Pkw gibt es in vielen Fällen keine technischen Unterlagen. Konkrete Informationen zur Beschaffenheit des Zweirads oder auch zu den verbauten Komponenten sind oftmals Mangelware. Dadurch ist es bereits schwer, den serienmäßigen Zustand eines Fahrrads zu ermitteln. Hinzu kommt, dass es relativ einfach möglich ist, ein Fahrrad zu modifizieren und mit anderen, teilweise sehr viel teureren Komponenten um- und aufzurüsten. Aufgrund unserer Marktkenntnis sind wir in der Lage, anhand von Fotos zu erkennen, welche Komponenten an einem Fahrrad oder E-Bike verbaut waren und können so eine fundierte Einschätzung treffen.
Wir archivieren die Kataloge und Preislisten zahlreicher Hersteller und Händler und können – auch nachträglich – Aussagen zum Neupreis von Fahrrädern und E-Bikes treffen. Ist es erforderlich, den Zeitwert zu ermitteln oder auch technisch gleichwertige Angebote aufzuzeigen, analysieren wir das Marktgeschehen und berücksichtigen dabei auch den Verschleiß – der insbesondere bei teuren Komponenten eine erhebliche Rolle spielen kann.
Pkw / Fahrrad
Schon im Jahr 2002 wurde bei Unfallanalyse Berlin eine Studienarbeit angefertigt, die sich mit dem Thema Pkw-Radfahrer-Unfälle befasst. Dazu wurden mehr als 30 gut dokumentierte Realunfälle und über 40 Versuche ausgewertet. Ziel war es, Zusammenhänge von Kollisionsgeschwindigkeit und Wurfweite, Verletzungen und Schäden zu finden.
In Ergänzung und Fortführung dieser Arbeiten werden von uns in Zusammenarbeit mit anderen Sachverständigenbüros jährlich mehrere Kollisionsversuche durchgeführt, bei denen ein Radfahrerdummy von der Front eines Pkw angestoßen wird. Dabei erweitern wir die Ergebnisse um Versuche mit hohen Geschwindigkeiten, wie sie z.B. auf Landstraßen gefahren werden. Bisher haben wir Versuche mit Kollisionsgeschwindigkeiten von ca. 70 bis etwas über 90 km/h gefahren.
Die Bilder zeigen zwei dieser Versuche. Die Kollisionsgeschwindigkeit betrug 92 km/h. Der Radfahrer-Dummy lag nach der Kollision mehr als 40 m hinter dem Anstoßort. Die Erkenntnisse aus den Versuchen sind im Kapitel „Der Fahrradunfall“ im Buch „Unfallrekonstruktion“ zusammengefasst.

Rechtsabbiegende Lkw und Radfahrende
Kollisionen mit rechtsabbiegenden Lkw, Video 1, treten in Ballungsräumen wie Berlin mit unschöner Regelmäßigkeit auf. Bei ihrer Rekonstruktion kommt es zunächst darauf an, die Spuren an den Fahrzeugen und auf der Fahrbahn akribisch zu sichern und korrekt zuzuordnen. Dazu kommt die Auswertung der Lkw-Tachographen und eventueller Zeugenaussagen. Hat man so den Ablauf des Unfalls grundsätzlich rekonstruiert, kommt man zur meist entscheidenden Frage, der Vermeidbarkeit. Dies fokussiert sich in aller Regel darauf, ob und ggf. wann der/die Radfahrende vom Lkw aus hätte wahrgenommen werden können.
Dazu müssen zuerst die direkten Sichtfelder (durch die Scheiben) und die indirekten (über die Spiegel oder Monitore) vermessen werden. Da die beiden Beteiligten meist mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs sind, kann sich die Sicht vom Lkw auf das Fahrrad ständig ändern. Das kann man gut mit Unfallsimulations-Software demonstrieren. In PC-Crash beispielsweise lassen sich die zuvor vermessenen Sichtfelder mit dem Lkw verbinden und dreidimensional farbig darstellen. So kann man untersuchen, wann Radfahrende in welchem Spiegel zu sehen sind, wann sie direkt sichtbar werden und wann sie im toten Winkel sind. Ein Beispiel zeigt Video 2. Auch was im Spiegel zu sehen ist, lässt sich mit einigem Aufwand auf diese Weise darstellen, Video 3. Manchmal ist es jedoch auch sinnvoll – mitunter sogar unumgänglich – den Hergang vor Ort nachzustellen.